Ritterschaft und Rittertum
Karolingische Reiterei aus dem Psalterium Aureum, St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. 22, S. 140 (spätes 9. Jahrhundert) als Illustration zu Psalm 60 (Feldzug des Joab) - ©gemeinfrei Karolingische Reiterei aus dem Psalterium Aureum, St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. 22, S. 140 (spätes 9. Jahrhundert) als Illustration zu Psalm 60 (Feldzug des Joab) - ©gemeinfrei
Grundlage
Bereits Kaiser Karl der Große legte mit seiner Heeresreform von 807/808 den Grundstein zum Rittertum, er verpflichtete seine Grundherren ab einer gewissen Hofgröße nicht nur zum Reiterdienst, sondern auch zum Tragen einer Brünne (Rüstung), einem knielangen aus zahlreichen ringartigen Maschen zusammengesetzten Panzerhemd. Der damit ausgestattete Panzerreiter hob sich aus der Masse des Heerbannes deutlich hervor, die aufzubringenden Mittel für eine solche Ausrüstung waren allerdings enorm. Zu Ende des 11. Jhdts. stellte ein Streitross (Zelter) den Gegenwert von 5-10 Ochsen dar, ein Kettenhemd (Brünne) das Vier- bis Zehnfache.
 
Erst mit den Rebellionen gegen Kaiser Heinrich IV. gelang es dann den zuerst unfreien Ministerialen in den Ritterstand aufzusteigen und den Eintritt in die adlige Gesellschaft zu erreichen. Das Verhältnis der adligen Vasallen zu den Ministerialen dürfte für das 11. Jhdt. dann bei ca. 1:100 gelegen haben. Die ritterliche Kampfgruppe, bekannt als Gleve oder Lanze, umfasste dann seit dem 14. Jh. noch zusätzliche Pferde und Kriegsknechte. Eine gewaltige Investition für die damalige Zeit, die eine Herrschaft, ein ritterliches Lehen, von mindestens 150 Hektar voraussetzte.
Es versteht sich von selbst, dass diese Personengruppe nur einen kleinen Teil der damaligen Gesellschaftsschicht darstellte, wir sprechen hier anteilig von ca. 1% der Gesamtbevölkerung, lediglich in Spanien und Polen betrug der Adelsanteil 5 bzw. 8%. Letztlich umfasste das Rittertum dann alle nach diesem Gesellschaftsmodell lebenden Personen, die sich allerdings durch interne Abstufungen im Adel nochmals unterschieden.
Spätere Ausblühungen
Der europäische Adel war keine homogene, sondern eine äußerst heterogene Gruppe. Neben dem Geblütsadel (noblesse de race) und dem Amtsadel (noblesse de robe, Ämterkauf) lassen sich weitere fünf Gruppen unter materiellen Gesichtspunkten im europäischen Rahmen unterscheiden. Die eigentlichen "Aristokraten" (höherer Reichsadel), der aufgestiegene "reiche Adel" - ehemals die regionale Elite, die "lokale Elite" (Landadelige), die "bescheiden lebenden" Adelsfamilien, der "nicht standesgemäß" lebende Adel. Es existierten innerhalb dieser Herrschaftsordnung unterschiedliche Adelslandschaften, die nicht immer im Einklang zueinander standen. Ausgenommen hiervon ist der Kirchenadel (geistliche Stand), dieser bedarf einer eigenen Behandlung. Ein wahrlich komplexes System einer Herrschaftsteilung...
miles christianus (christlicher Krieger). Guilelmus Peraldus, Summa de virtutibus et vitiis (Mitte 13. Jh.) - ©gemeinfrei [wikipedia] miles christianus (christlicher Krieger). Guilelmus Peraldus, Summa de virtutibus et vitiis (Mitte 13. Jh.) - ©gemeinfrei [wikipedia]
Rittertum
Der Ritter in seiner Funktion als Panzerreiter des Reiches löste sich seit dem frühen Mittelalter durch Ausstattung und Wehrkraft aus der Schar der zu Fuß kämpfenden Krieger. Die sich nun formierende Ritterschaft entwickelte sich zu einem elitären Kriegerstand mit eigenem Standesethos und Selbstbewusstsein sowie speziellen Handlungsweisen, die für Jahrhunderte in der vornehmen und adligen Gesellschaft vorbildhaft werden sollten. Im Lauf der Zeit veränderten sich allerdings die Rahmenbedingungen für das Rittertum, gesellschaftliche Umbrüche und Veränderungen gingen auch an dieser Personengruppe nicht spurlos vorüber. Der adlige Ritter sah sich nun mehr oder weniger in einer Krise, letztlich kam diesem seine originäre Daseinsberechtigung als Streiter des Reiches abhanden. Eine Abwanderung von deutschen Soldrittern nach Reichsitalien im 13. und 14. Jhdt. war ein erstes Signal ("barbute" - deutsche Lanzenreiter), die nun entstehenden Söldnerheere unter dem Befehl von unabhängigen Kriegsherren (Condottieri) veränderten das traditionelle Rittertum. Interessanterweise kämpften diese Truppen nach wie vor in der überkommenen Art des Mittelalters, mit der Einführung modernerer Methoden der Kriegsführung trat bei diesen eine zwangsläufige Stagnation ein.
Umbruch des Kriegswesens
Um 1550 war die Erscheinung der Condottieri gänzlich verschwunden, gegen die Schweizer Reisläufer, deutschen Landsknechte, französische Kavalleristen und spanische Arkebusiere konnten diese frühen Söldnerheere (zuerst Panzerreiter) nicht mehr bestehen - eine Epoche war zu Ende gegangen.
In den Heeren der aufstrebenden Landesfürsten stellte der Ritterstand dann einen großen Teil des Offizierskorps, dort konnten die adeligen Ritter bei vorausgesetzter Eignung wieder eine standesgemäße Rolle einnehmen.
Eingang
Die im Menü aufrufbaren Detailseiten widmen sich nun diesem Thema. Ausgehend vom Hochmittelalter verläuft der Handlungsstrang bis zum letzten Ritter des Mittelalters, Kaiser Maximilian I., um dann mit dem universalen Weltenherrscher Kaiser Karl V. eine Fortführung zu finden.
Sonderbare Erscheinung des Spätmittelalters
Eine Frau als Weltveränderer
Jeanne d'Arc - Bild: Albert Lynch (1851-1912) - ©gemeinfrei Jeanne d'Arc - Bild: Albert Lynch (1851-1912) - ©gemeinfrei
Johanna von Orléans
Jeanne d'Arc auch Jeanne la Pucelle
Retterin Frankreichs, Märtyrerin, geb. 6. Januar 1412 (?) in Domrémy, heute Domrémy-la-Pucelle in Lothringen in Frankreich, gest. 30. Mai 1431 in Rouen in Frankreich auf dem Scheiterhaufen. 1456 korrigierte die Kirche ihr Inquisitionsurteil im Verlauf eines Revisionsverfahrens (König Karl VII.), Johanna von Orléans wurde vollständig rehabilitiert. Im 19. Jhdt. Leitfigur des politischen Katholizismus in Frankreich und Schutzpatronin des Landes.

Kanonisation
Jeannes Seligsprechung erfolgte erst am 18. April 1909 durch Papst Pius X., die Heiligsprechung am 16. Mai 1920 durch Papst Benedikt XV. - Gedenktag katholisch: 30. Mai. WEB-Link: Bistum Münster

Gemälde
Albert Lynch (26. Sept. 1851 bis 25. März 1912), veröffentlicht im Figaro Illustre magazine, 1903. Zeitloses zweidimensionales Werk mit besonderer Ausstrahlung und Wirkung.
Wendepunkt der Geschichte (Frühe Neuzeit)
Ein habsburgischer Prinz siegt bei Lepanto (1571, Heilige Liga)
Don Juan de Austria (Johann v. Österreich, 1547-1578); Befehlshaber der spanischen Flotte und Statthalter der habsburgischen Niederlande. Einer der drei Sieger in der Schlacht bei Lepanto (1571). Gemälde: ©gemeinfrei - Convent of Las Descalzas Reales (Valladolid). Don Juan de Austria (Johann v. Österreich, 1547-1578); Befehlshaber der spanischen Flotte und Statthalter der habsburgischen Niederlande. Einer der drei Sieger in der Schlacht bei Lepanto (1571). Gemälde: ©gemeinfrei - Convent of Las Descalzas Reales (Valladolid).
Don Juan de Austria - Sieger von Lepanto
Der außereheliche Sohn Kaiser Karls V. und der bürgerlichen Regensburger Gürtlerstochter Barbara Blomberg erwies sich als kriegerisches Talent und erreichte wie sein Jugendfreund und Vetter Alessandro Farnese höhere militärische Weihen (1568 - Capitan General del mar mediterraneo y adriatico). Durchschlagende Erfolge als Befehlshaber der spanischen Flotte und sein Einsatz in den spanischen Niederlanden haben diesen illegitimen habsburgischen Spross nicht vergessen lassen, bis heute führt ein Tercio der spanischen Legión Española3° de la Legion - den Namen Don Juan de Austria [Alessandro Farnese4º de la Legion]. Im 31. Lebensjahr in den spanischen Niederlanden verstorben, wurde das Herz von Don Juan im belgischen Namur und sein Leichnam im El Escorial beigesetzt (1561 von seinem Halbbruder König Philipp II. v. Spanien legitimiert).
 
Die am 7. Oktober 1571 stattgefundene Seeschlacht bei Lepanto bildet ein einschneidendes Ereignis in der abendländischen Geschichte, der dortige Sieg von Don Juan d'Austria, Marc Antonio Colonna und Sebastiano Venier, als Admirale der verbündeten spanischen, päpstlichen und venezianischen Flotten, gegen die Türken verhinderte den osmanischen Traum von einem Weltreich und bereinigte die Einflusssphären im Mittelmeer. Der westliche Teil wurde nun von der spanischen, maltesischen und italienischen Flotte kontrolliert, während der östliche Teil von den Türken weiter beherrscht wurde.
Álvaro de Bazán (1526-1588), spanischer Flottenkommandant (Capitán General de la Mar Océano) und Marqués de Santa Cruz. Erfolgreicher Befehlshaber der spanischen Galeeren von Neapel und des Reservegeschwaders bei Lepanto (1571). Gemälde: ©gemeinfrei - Museo Naval de Madrid Álvaro de Bazán (1526-1588), spanischer Flottenkommandant (Capitán General de la Mar Océano) und Marqués de Santa Cruz. Erfolgreicher Befehlshaber der spanischen Galeeren von Neapel und des Reservegeschwaders bei Lepanto (1571). Gemälde: ©gemeinfrei - Museo Naval de Madrid
Wenngleich der Sieg von Lepanto nur zur See einen ersten Erfolg herbeiführte, wurde doch zumindest der Nimbus der Unbesiegbarkeit des Osmanischen Reiches zerstört. 471 Schiffe waren an dieser gewaltigen Seeschlacht beteiligt, 123 wurden versenkt, 150 erobert, ca. 38.000 Mann getötet. Das Heilige Römische Reich unter Kaiser Maximilian II. war der Liga jedoch nicht beigetreten, die protestantischen Reichsstände agierten hier erfolgreich gegen Spanien. "In Lepanto stand nicht nur Frankreich als der Erbfeind der Habsburger abseits, sondern auch das Reich, dessen protestantische Fürsten den protestantenfreundlichen Kaiser Maximilian II. vom Beitritt zur Liga abzuhalten vermochten!" [Baumgart]. Im spanischen Galeerengeschwader von Neapel reihten sich dennoch 5.000 Deutsche ein und nahmen an der Schlacht teil (Generalkapitän Álvaro de Bazán, Marqués de Santa Cruz). Die großen spanischen und italienischen Adelsfamilien stellten alleine 2.000 Freiwillige, was dort an Rang und Namen in der katholischen Welt vertreten war, kämpfte bei Lepanto an der Seite der Ritterschaften und Mannschaften!

Die Entscheidung im Landkrieg stand allerdings noch aus, erst 1683 gelang es der Heiligen Liga die Türken in der Schlacht bei Kahlenberg entscheidend zu stoppen. Nach der Schlacht am Berg Harsány (Schlacht bei Mohács) im Jahr 1687 konnten dann große Gebietserweiterungen durch kaiserliche Truppen erzielt werden. Es begann nun die Zeit der Rückeroberungen.
Weltmacht ist Seemacht
Der Krieg zur See und der Welthandel
Seekriegsführung [Ruderschiffe]
 
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